geschichte einer spielerin über
den"altere- damen- zuschauerversuch"
sie kommen. die ersten drei. ich
stehe an der schwelle zwischen hof und einfahrt, dem gerümpel, dem motor.
es ist heiß, ich schwitze unter meinen roten pullovern.
ich beginne mit der choreografie, seitlich den damen zugewendet. ich weiss nicht,
wie ich mit den schamgrenzen verfahren soll. meinen und ihren - vielmehr der
gemeinsamen berührungsfläche, die sich herstellt in dieser situation,
irgendwo in der mitte zwischen ihnen und mir, auf der schnittlinie oder am kollisionspunkt
der blicke oberhalb der unterleiber.
warum nehme ich "scham" heute anders wahr/ vorweg, in mich, als sonst?
deutliche wahrnehmung zweier ebenen
- des anschauens und des "geschehens". eine trägt eine 50iger
jahre brille -reminiszenz an
die verrucht-naive "brillenschlange", das dummchen, das sich in den
vamp verwandelt. messerscharfe blicke dahinter hervor, die ihre eigene raumhöhe
bilden - interessanterweise nicht auf mich herab, obwohl ich, den oberkörper
nach vorne gebeugt - "von unten" schaue.
ernst und belustigt. sie zeigt "haltung". mir gegenüber, ihrer
freundin gegenüber, mit der sie da ist, die unablässig spricht, manchmal
mich anschaut, manchmal weg, zerstreut-lebhaft; die freundin spielt auch, etwas
kokett, mit der vorgeschriebenen unsicherheit, die man in so einer situation
zu haben hat als bürgerliche frau. eine dritte "liest" mich.
ich weiss, sie fühlt sich ein. sie versucht, über eine von mir fast
fleischlich gefühlte nähe in dieses vorgang zu schlüpfen, seine
qualität zu schmecken, ihn durch ihren körper zu lassen, der schmal
und breit, trocken und üppig zugleich ist - meinem ähnlich und fremd.
fast möchte ich sagen hör auf, geh weg, du dringst in mich ein, das
ist mir unheimlich. da gibt es nicht die kontaktfläche der blicke irgendwo
im mittleren abstend, auf einer demokratischen oder vielleicht doch aristokratischen
ebene von "haltung". trotzdem, bei allen, die in diesem moment da
sind, und darunter ist kein mann, scheint ein paralleles einverständnis
auf über die situation "frau", über den moment, dass sich
dieses phänomen "geschlecht" andauernd erzeugt, arbeit ist.
die situation gerahmt durch die generationen - drei sind da, man könnte
sagen, die erwachsene tochter und enkelin, mutter und tochter, mutter und großmutter-generation
- oder auch krieg, 68, post-68, feminismus, kommunismus.
das zumindest schießt mir durch
den kopf, während des tuns, danach.
beschreibbar als moment einer prüfung, überprüfung dieses materials
"weibliches" geschlecht/unterleib - dessen ausstellung ich in dem
moment zu besorgen habe, das allerdings durch diese drei so verschiedenen und
keineswegs neutralen gegenüber mir selber gegenüber in drei gespalten
wird. oder in vier - mich miteinbeziehend.
in anderen konstellationen / situationen ist diese selbe übung keineswegs
so explizit "weibliches geschlecht" - ein ganz anderes material, ein
ganz anderer körper.
frage, was diese frauen da mit mir tun - mit "mir" als darstellerin meine ich - es trat ein der glücksfall, dass ich eine situation erzeuge in diesem setting, das in der johannagasse von allen beteiligten ständig erzeugt wurde und wird, ob in den proben oder mit zuschauern - der glücksfall einer situation, in der die präsenz, die kommunikation zwischen diesen drei ersten betrachterinnen und mir (und C.B. und g.m., die zu beginn noch anwesend sind, jedoch als beobachterinnen zweiter ordnung, die ich von meinem tun her nicht in die situation integriere, die sich nicht integrieren) wirklich meine "performance" bereichert, informiert, verändert, auflöst, zersprengt.
an dieser stelle weiß ich wieder, wovon ich schreibe - pathos, auch reminiszenz, in der isolierung der produktion ein utopischer moment, dessen sprache vielleicht nicht mehr wahr ist:
unsere produktionen wären ebensoviele spiegel, woraus unser wesen sich entgegenleuchtete
"gesetzt, wir hätten als menschen produziert: jeder von uns hätte in seiner produktion sich selbst und den anderen doppelt bejaht.
ich hätte
1. in meiner produktion meine individualität, ihre eigentümlichkeit vergegenständlicht und daher sowohl während der tätigkeit eine individuelle lebensäußerung genossen, als im anschauen des gegenstandes die überindividuelle freude, meine persönlichkeit als gegenständliche, sinnlich anschaubare und darum über allen zweifeln erhabene macht zu wissen,
2. in deinem genuß oder deinem gebrauch meines produkts hätte ich unmittelbar genuß, sowohl des bewusstseins, in meiner arbeit ein menschliches bedürfnis, als das menschliche wesen vergegenständlicht und daher dem bedürfnis eines anderen menschlichen wesens seinen entsprechenden gegenstand verschafft zu haben,
3. für dich der mittler zwischen dir und der gattung gewesen zu sein, also von dir selbst als ergänzung deines wesens und als notwendiger teil deiner selbst gesehen, gewusst, empfunden zu werden, also sowohl in deinem denken wie in deiner liebe mich bestätigt zu wissen,
4. in meiner individuellen lebensäußerung unmittelbar deine lebensäußerung geschaffen zu haben, also in meiner individuellen tätigkeit unmittelbar mein wahres menschliches, mein gemeinwesen bestätigt und verwirklicht zu haben;
unsere produktionen wären ebenso viele spiegel, woraus unser wesen sich entgegenleuchtete." (marx)
aus negt/kluge, geschichte und eigensinn, seite 907.
christine standfest mai 2002