palais donaustadt

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derstandard, 23.09.2005

MOND ÜBER MANHATTEN
Von Margarette Affenzeller

Ein sinnlicher Abend beim theatercombinat, Station Donaucity

Wien - Das theatercombinat, das sind Vaganten der Großstadt. Einsatzgruppenfachleute mit Performance-Absicht. Seit 1998 annektiert die Gruppe um Claudia Bosse außerhalb jeder Theaterinstitution wunde und verwilderte Orte der Stadt, um sie theatralisch zu benützen.

Am Fuß titanischer Glasfassaden am Gelände der Donaucity bespielt das theatercombinat mit der choreografischen Installation ballet palais derzeit einen Ort purer Vergänglichkeit. Ein letzter freier Flecken Erde, an dem bereits in zwei Jahren ein schwarzer Büroturm stehen soll. ballett palais ist Teil des seit Juni laufenden Sampling-Projekts palais donaustadt, in dem auf 10.500 Quadratmetern auch filmisch, musikalisch und diskursiv öffentlich interveniert wird. Sechs Akteure in gelben Overalls treten aus ihren im Inneren Wohnlichkeit signalisierenden Baucontainern ins Freie und vermessen nach innerer und äußerer Dynamik das heterogene Areal, den weiß gekalkten Restplatz unter der berühmten Hochleistungsarchitektur.

Raum ist ein Produkt sozialer Beziehungen, so Henri Lefébvre, ein permanent variables, ein sich reformulierendes, redefinierendes, reproduzierendes Medium. ballet palais vollzieht eine solche raumbildende Praktik. Sie sieht wie Tai-Chi-Theater aus.

Streng choreografierte singuläre oder kollektive Bewegungen und Bewegungsfiguren unter einem wunderschönen, hoch oben im Wind schwebenden, (be-)leuchtenden Ballonmond entdecken, befragen und öffnen diesen Raum bis zu den entfernten diffusen Rändern. Eine Stop-and-Go-Choreografie, deren Akteure (Markus Keim, Julia Reinartz, Angela Schubot, Matthew Smith, Christine Standfest und Doris Uhlich) sich "anorganisch" formieren, rücklings auseinanderstieben, reformieren, zu Gruppen oder zu Einzelfiguren zerfallen.

In dieser synergetischen Relation von Architektur, öffentlichem Leben und choreografierter Kunst entsteht für das mobile Publikum eine Meditation, die kathartischer ist, als man dem kognitiven Schwerpunkt der Arbeit zugetraut hätte.

Vorstellungen bis Ende September mittwochs um 20 Uhr, freitags um 18 Uhr, sonntags um 16 Uhr.



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derstandard, 10.10.2005

AM CAMP DES COMBINATS
Von Margarette Affenzeller

An einem von funktionalen Stadtflächen gesäumten, nunmehr weiß gekalkten Gelände in der Donaucity errichtet das "theatercombinat" einen temporären Aktionsraum.

Manhattanesk: Das "theatercombinat" betreibt Raumforschung in der Donaucity

Wien - Das erfreulicherweise auf die Butterseite der Wiener Theaterreform gefallene Kollektiv theatercombinat ist seit seiner Gründung vor neun Jahren außerhalb jeder Institution und Konvention tätig. Mit dem aktuellen Projekt Palais Donaustadt besetzen und bespielen Claudia Bosse und ihre Gruppe ab morgen, Freitag, einen Monat lang eine freie Restfläche am Gelände der Donaucity. Das theatercombinat hat immer wieder temporäre Räume für ortsspezifische Performances erobert und damit Wahrnehmungsgrenzen geweitet oder überschritten, wenn etwa im Schlachthof von St. Marx bei Eiseskälte einer sechsundreißigstündigen Aischylos/Brecht-Verquickung zu lauschen war. Die letzte Produktion (zu Michel Foucault/Heiner Müller) war in den leer stehenden Nestroy-Sälen der Leopoldstadt angesiedelt und pro Vorstellung für jeweils exakt drei Zuschauer gedacht.

Hinter der scheinbaren Maßlosigkeit der "Combinatler" steckt stets pure Theorie, mehr oder weniger "gnadenlos" angewandt. Dabei aber weniger "gnadenlos" als die oft leere Rekapitulation diverser Sprechtheaterkonserven der Guckkastenbühnen. Man befragt und kritisiert aus einem veränderten Verständnis der Theaterpraxis heraus jeweils Raum- und Öffentlichkeitskonzepte des Kunstbetriebs. Im aktuellen Fall auf einem 10.500 Quadratmeter großen Areal zwischen Tech Gate und Donauufer unter der monumentalen Glaskulisse der Donaucity, das Manhattan-Lookalike.

Brennpunkte der Stadt

An diesen, Palais Donaustadt genannten Ort lädt das theatercombinat Gäste zur interdisziplinären Raumforschung (Musik, Architektur, Film) und greift damit die Idee der im Zuge der Theaterreform zu installierenden Koproduktionshäuser ganz anders auf. "Wir möchten temporäre Praktiken an unterschiedlichen Brennpunkten der Stadt einführen und so auch die Stadtentwicklung analysieren", so Bosse. Der im Gefüge definierter und funktionalisierter Stadtflächen noch als "sinnlos" attribuierte Ort (im nächsten Jahr wird dort ein zweihundert Meter hoher schwarzer Turm des französischen Architekten Dominique Perrault entstehen) soll einer Definition Henri Lefébvres zufolge ("Raum wird hergestellt durch spezifische soziale Prozesse") als Austragungsort eben solcher sozialen und theatralischer Praktiken behauptet werden.

Eröffnet wird morgen, um 18 Uhr, mit ballet palais, einer textlosen Choreografie Bosses. Weiters steht ein archiv im palais offen, in dem die kommentierte Geschichte des Ortes von der Donaubegradigung bis zur Aushebung der Exdeponie einsehbar ist. picknick am wegesrand ist als musikalisches "work in progress" konzipiert, und film im palais zeigt Ergebnisse kinematografischer Raumaneignung.



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malmoe, 03.07.2005

RAUMPRODUKTION + WAHRNEHMUNGSPOLITIK x 3
Von Gini Müller

Das theatercombinat arbeitet seit geraumer Zeit an der Erforschung performativer Handlungsräume. Im September 2005 wird der dritte und vorläufig letzte Teil der Forschungsserie veröffentlicht.

raum.bild.bildraum

"raum wird hergestellt durch spezifische soziale prozesse. im gegensatz zu anderen waren ist er aber gleichzeitig materielles objekt und medium, in dem andere waren und gesellschaftliche verhältnisse geschaffen werden. so reproduziert und modifiziert raum permanent die gesellschaftlichen voraussetzungen seiner eigenen produktion."
(Henri Lefèbvre, "The production of space")

1. Archiv/Diskurs-Raum

Begonnen hat alles mit der Inbetriebnahme der "firma raumforschung" im vorigen Jahr. In einem Gassenlokal im 7. Wiener Gemeindebezirk beschäftigte sich das theatercombinat und in seinem Auftrag Theoretiker- und PraktikerInnen mit verschiedenen Diskursen zum erst mal recht abstrakt in Erscheinung tretenden Thema "Raum und Raumproduktion". In einer Montagsveranstaltungsserie (Herbst 2004) wurden diesbezüglich unterschiedliche Bereiche (wie Architektur, Soziologie, Philosophie, Kunstgeschichte, Theater- und Tanztheorie) untersucht und diskutiert, das Themenfeld, Begriffe und Wahrnehmungsbilder auseinanderdividiert und im gemeinsamen Kommunikationsraum wieder zusammengesetzt. Spezifische soziologische Fragestellungen überkreuzten sich u.a. mit Ansätzen zu künstlerischen und politischen Praktiken, und Problematisierungen von "Philosophien, Politiken und Bilder zur Verteilung im Raum".

"bildbeschreibung
zweifel am bild
zweifel am sehen
zweifel am betrachter"
(Archivmaterial Heiner Müller)

2. Theater/Supermarkt-Raum

Die performative Raum- und Diskursauseinandersetzung verlagerte sich in Folge (im Frühjahr 2005) in den 2. Bezirk, in ein ehemaliges jüdisches Theater am Nestroyplatz, das für lange Zeit als Supermarkt genutzt wurde und dessen Raum noch immer die konträren Spuren der Nutzung repräsentiert. "ou est donc le tableau" setzte in 76 Vorstellungen vor jeweils 3 geladenen ZuschauerInnen, die sich als wesentlicher Teil des Raumsettings wiederfanden, verschiedene choreographische Versionen der Texte "Bildbeschreibung" (Heiner Müller) und "Die Hoffräulein" (Michel Foucault) räumlich in Szene, in denen es jeweils um konkret erscheinende Gemälde/Bildbeschreibungen und Fragen der Repräsentation und Machtpolitik geht. Tatsächlich ereignete sich so ein raum/zeitlich aktuelles und virtuelles Spiel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das die eigene Wahrnehmung im "Theater der Repräsentation" erschütterte (so man/frau sich auch darauf einlassen konnte/wollte). Das Thema wurde in seiner performativen Macht mitunter affektiv, fühlbar.

"landschaft, labor,
vielleicht auch ich versuchsanordnung"
(Archivmaterial Heiner Müller)

3. Privatisierter Außenraum

Von Mai bis September 2005 "aktualisiert" sich das theatercombinat im räumlichen Großformat. Ein 8.500 m² großer Baugrund, ein Areal inmitten der Donaucity, zwischen Copa Kagrana, UNO-City und anderen Büro- und Wohnkomplexen, bildet die Grundlage für weitere räumliche Sprach-, Choreographie- und Diskursvermessungen.
Im September 2005 werden in erweiterter Öffentlichkeit, zum Abschluss der Forschungsserie, gewisse verdichtete Raum-/Zeitschnitte von angesammeltem Wissen und Bewegungen miteinander verkettet. In einem künstlich von der Umgebung abgesetzten Raum, der durch weiße Bodenfarbe/Markierung die öffentliche Einsehbarkeit im Areal verstärken will, soll einerseits die theatrale Inszenierung der Raum.Bild.Repräsentations-Texte mit 6 PerformerInnen weiterverfolgt werden, andererseits sind diskursive Plattformen, wie ein 5tägiges Camp der firma raumforschung mit abschließendem Symposium, aber auch DJ- und Filmabende geplant. Gegen die Raum/Zeit-Ökonomie der angrenzenden Territorien arbeitend, geht es dabei auch um die räumliche Aneignung eines öffentlichen theatralen Orts, der den Raum durch andere Bewegung politisiert.
Die Versuchsanordnung des theatercombinats untersucht hier einen performativen Handlungsraum, der an seine gentrifizierte und privatisierte Umgebung dringende Fragen stellt.

weitere informationen unter:
produktion@theatercombinat.com und 01/5222509

http://www.malmoe.org/artikel/erlebnispark/949



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falter, 36/2005

„GLÜCK FÜR ALLE, UMSONST“
Von Gerhard Stöger

Musik – Die Veranstaltungsreihe Picknick am Wegesrand leistet die umfangreichste Bestandsaufnahme der Wiener Elektronikszene seit Picknick mit Hermann anno 1997 und wirft bei der Gelegenheit auch grundlegende kulturpolitische Fragen auf.

„Die elektronische Musik ist in Wien spannend wie immer, nur bekommen das Entscheidungsträger in Kunst, Kultur und Wirtschaft kaum mehr mit“, sagt Patrick Pulsinger, der als DJ und Produzent zu den international renommiertesten Vertretern dieser Szene gehört. „Die wirklichen Innovatoren haben sich in Onlinecommunities wie den FM4-Soundpark zurückgezogen; Lichtblicke wie play.fm (Webradio und Clubkulturdatenbank, Anm. d. Red.) müssen sich mit Ach und Krach über Wasser halten. Im Ausland registriert das Geschehen niemand mehr, und leben kann man als junger toller Musiker schon gar nicht davon.“ Alles gut also und aber auch wieder nicht innerhalb jener Musikszene, die für Wiens bedeutendsten Kulturexport der letzten Zeit verantwortlich ist? Es hat ganz so den Anschein – und genau da knüpft die von einem Szenekollektiv organisierte No-Budget-Veranstaltung Picknick am Wegesrand an. Der Ort dafür ist ungewöhnlich, gepicknickt wird im Palais Donaustadt, einem im Baustellengebiet auf der Donauplatte zwischen Tech Gate und Neuer Donau errichteten temporären Kunstraum der stark theorielastigen Wiener Theatergruppe theatercombinat.
An den vier Septemberdonnerstagen sollen dort jeweils rund zwanzig Vertreter mit Kurzauftritten zeigen, dass es der lokalen Szene künstlerisch auch Jahre nach dem Abflauen des internationalen Medieninteresses an elektronischer Musik Wiener Bauart keinesfalls schlecht geht und dass ihr stilistisches Spektrum nach wie vor groß ist – wobei gerade jüngere Musiker teils auch wieder von rein elektronischen Produktionsweisen abrücken. Picknick am Wegesrand gerät somit zur umfassendsten Bestandsaufnahme des Geschehens, seit sich die lokalen Laptopkünstler und Clubmusikproduzenten am Höhepunkt des Wien-Hypes im Sommer 1997 beim Picknick mit Hermann trafen.
„Wir sehen uns nicht als Kuratoren und Programmmacher, sondern als Katalysatoren, die den Musikerinnen und Musikern die Beteiligung am Festival ermöglichen“, sagt Stefan Parnreiter vom Veranstalterkollektiv hinter dem 2005er-Picknick, dem es gleichzeitig nicht nur um das künstlerische Statement geht. „Es wurde Zeit, wieder einmal möglichst schlagkräftig und nachhaltig zu zeigen, was in dieser Stadt passiert, und damit verbunden auch Wünsche für die Zukunft zu äußern.“

Ihren Veranstaltungstitel haben die Picknick-am-Wegesrand-Initiatoren dem gleichnamigen utopischen Roman von Arkadi und Boris Strugatzki entlehnt. „Ein Buch über Ideen, Ziele, Wünsche, Verluste und Enttäuschungen“, wie Parnreiter, Betreiber des Experimentallabels aRtonal und einstiger Konzertbooker der Fluc Mensa, erklärt. Sein Picknick-Kollege, der Künstler, Musiker und Ö1-Kunstradio-Macher Hans Groisz, zeigt sich dabei selbst poetisch: „Die Donauplatte ist ein heißer Ort, die Baugrube noch eine utopische Fläche. Wir möchten dort ein Picknick machen und den harten Boden endlich auflockern.“
Fast genau zehn Jahre sind vergangen, seit das erste phonoTAKTIK-Festival im Oktober 1995 die elektronische Musik zwar nicht im Alleingang nach Wien brachte, in seiner geballten Präsentation damaliger internationaler Genregrößen aber doch entscheidend zu jenem künstlerischen Modernisierungsschub beitrug, von dem das popkulturelle Geschehen dieser Stadt bis heute zehrt. „phonoTAKTIK war 1995 das erste rein auf elektronische Musik fokussierte Festival in Österreich“, erinnert sich Herbie Molin, der Betreiber des Elektroniklokals rhiz. „Es hat die ganze Bandbreite elektronischer Musik versammelt und die neuen, demokratischen Produktionsmöglichkeiten erlebbar gemacht.“ In der Folge wurde Wien zum internationalen Hotspot für die unterschiedlichen Spielarten Neuer Elektronik; gleichzeitig schimpfte der Musiker und Mego-Lablemacher Peter Rehbert im Falter schon 1997 über den „non-existing fucking stupid media hype“.
„Die meisten heimischen Musikschaffenden wussten nicht, wie sie zu diesem Interesse überhaupt kamen, und haben dadurch auch den Moment verschlafen, sich um Nachhaltigkeit zu bemühen“, glaubt Patrick Pulsinger. „Da wurden von uns allen große Fehler gemacht. Irgendwann hätte man auf die nächste professionelle Ebene gehen müssen, auch künstlerisch wäre noch viel mehr dring gewesen.“ Gesichtslose Konsensprodukte ohne eigene Identität hätten letzlich gewonne, während die unabhängigen Wiener Labels großteils an wirtschaftlichen Hürden gescheitert seien. „Dabei ist es ihrem Engagement zu verdanken, dass sich die Opinionleader weltweit für dieses Land und seine kleine Szene interessiert haben.“

Die Auseinandersetzung mit musikalischen Inhalten wurde durch die Diskussion über Geschäftsmodelle verdrängt

Der Picknick-Mitorganisator Parnreiter sieht ähnliche Problemlagen und klagt über miese ökonomische Arbeitsbedingungen, mit denen weite Teile der Szene konfrontiert seien, über zu wenige und schlecht bezahlte Auftrittsmöglichkeiten und eine mangelhafte Infrastruktur. Die Diskussion über Geschäftsmodelle habe die Auseinandersetzung mit musikalischen Inhalten in den letzten Jahren vielfach verdrängt; ihre Veranstaltungsreihe sei daher nicht zuletzt auch als Plädoyer für freiere Entfaltungsmöglichkeiten des kreativen Potenzials abseits der Verwertungszwänge der Creative Industries zu verstehen.
„Die Kultur darf nicht zu einem Zulieferer für die Wirtschaft verkürzt werden“, zeigt sich Parnreiter kämpferisch und fordert breiter angelegte Förderungsmaßnahmen für nichtkommerzielle Musik zwischen Elektronik und Improvisation. „Mehrheitsfähigkeit ist kein Subventionskriterium“, bemerkt er zum Einwand, dass nicht wenige der beim Picknick versammelten Künstler nur ein kleines Nischenpublikum ansprechen würden. „Die ersten Wienauftritte von Leuten wie Schönberg, Berg oder Webern waren Revolutionen, Skandale und Tabubrüche, das war nur für ein Randgruppenpublikum zu hören und zu verstehen. Wo aber wäre Wien ohne diese Menschen heute?“
Auch Michaele Schwentner sieht die grundlegenden Probleme der Szene nicht im künstlerischen, sondern im kulturpolitischen Bereich. Einrichtungen wie der SKE-Fonds würden zwar gute Arbeit leisten, letztlich aber in erster Linie Tonträgerproduktionen fördern. Am internationalen Vertrieb dieser Tonträger aber und an der Unterstützung für Konzerte im In- und Ausland würde es mangeln, und gerade hier sei die Stadt gefragt.
„Ich mag diesen musikalischen Patriotismus des 'Made in Vienna' ja nicht“, sagt Schwentner, die unter dem Künstlernamen Jade seit den Neunzigern als DJ und Visualistin tätig ist und auf ihrem Plattenlabel mosz letztes Jahr unter anderem Gustavs aufsehenerregendes Debütalbum „Rettet die Wale“ veröffentlichte. „Ich bin aber bereit einen derartigen Patriotismus zu entwickeln, wenn die Stadt wien den 'Musikstandort', wie das ja jetzt in der Sprache der Wirtschaft heißt, erkennt, positiv bewertet und finanziell unterstützt. Die Stadt müsste es sich einfach deutlich mehr kosten lassen, dass ein positives, frisches Image in die Welt hinausgetragen wird, und nicht nur Puderperücken mit Engelsstimmen im Kollektiv nach Japan reisen dürfen.“
Wenn schon einmal Wünsche formuliert werden, hat Hans Groisz gleich noch ein ganz anderes Anliegen: „Ich wünsche mir, dass meine Tochter im Musikunterricht auch mit der Musikgeschichte nach 1950 vertraut gemacht wird und nicht von mir lernt, was denn eine Synthesizer ist.“ Passend dazu zitieren die Picknick-am-Wegesrand-Macher in ihren Presseunterlagen Franz Kafka: „Es gibt nur ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.“ Noch konkreter drücken sie ihr Vorhaben dem Falter gegenüber mit einem Satz der Gebrüder Strugatzki aus: „Glück für alle, umsonst, niemand soll erniedrigt von hier fortgehen.“

Picknick am Wegesrand, am 8., 15., 22., und 29.9, jeweils 17 bis 24 Uhr im temporären Kunstraum Palais Donaustadt (22. Donaucitystraße 1 – 9).
Information: www.piknik.at

Alle weiteren Palais-Donaustadt-Veranstaltungen (Theater, Film, Theorie & Diskurs) finden Sie unter www.theatercombinat.at sowie im „Falter“-Wienprogramm.



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freiezeitart, 12/2005

DIE ORGANISATION VON ZEICHEN

Gespräch mit Claudia Bosse, Leiterin von theatercombinat, zu palais donaustadt und die Arbeit von theatercombinat im Allgemeinen am 5. Oktober 2005 im Café Sperl in Wien.

freie zeit art: Das Projekt palais donaustadt ist vor kurzem ausgelaufen. Könntest du so etwas wie ein Resümee ziehen?

Claudia Bosse: Um wirklich ein Resümee zu ziehen, bin ich noch viel zu erschöpft, viel zu sehr mit Abrechnung und solchem Quatsch beschäftigt. Ich kann eher sentimental sprechen, sozusagen in der Gewissheit, dass dieser Raum verschwindet oder jetzt fast verschwunden ist. palais donaustadt war für mich ein Versuch, in Wien – in einer anderen Dimension – einen sehr spezifischen Ort zu besetzen und an diesem Ort eine andere Zeit und Anwesenheit zu ermöglichen, um sich mit sehr bestimmten Fragen, in diesem Fall mit Fragen der Raumproduktion in sehr unterschiedlichen Kunstformaten zu befassen. Es hat mich eigentlich sehr traurig gemacht, in dieser perfekten Stadt, da gibt es überall diese Nischen und Kanten ... Ich bin in der Trauerphase über den Verlust eines Raumes, der aufgrund der unterschiedlichen Aufladungen, Praktiken und Aneignungen zu einem sehr speziellen Raum geworden ist. Es geht um den Verlust von etwas, von dem ich weiß, es gibt nichts Vergleichbares.

freie zeit art: Gehen wir vielleicht zurück zu ballet palais. Ich habe jetzt eine ungewöhnliche Frage: Wenn dich ein Blinder fragen würde, was er, wäre er nicht blind, hier sehen könnte bzw. was er nicht sehen könnte – was würdest du ihm antworten?

Claudia Bosse: (Pause) Die Frage ist gut. Da muss ich überlegen. Ich glaube, das erste wäre, diesen Blinden anzuschauen und erst mal versuchen zu verstehen, was er eventuell sehen wollte und danach würde sich meine Beschreibung richten, auf welcher Ebene ich das beschreiben würde. Weil ich glaube, dass ballet palais auf sehr, sehr unterschiedlichen Ebenen lesbar ist. Je nachdem, wofür man sich dann entscheidet. Entschließ' ich mich für das Spiel der Darsteller oder geh ich über die Körper und die Informationen der Darsteller im Raum, die Umgebung, les' ich die Wolken, les' ich den Boden oder les' ich einfach über die Zeit den Raum und seine Veränderungen, mit den zufälligen Informationen des gesellschaftlichen Umfeldes, die sichtbar werden durch die Minimierung oder Konzentration von Wahrnehmung auf die Akteure, les' ich die anderen Zuschauer.

freie zeit art: Wie bist du eigentlich auf die Location Donaustadt gekommen?

Claudia Bosse: Es ging eigentlich darum, auf einer städtischen Restfläche architektonische Skizzen zu machen. Ich war eine Zeit lang mal sehr mit dem Gedanken befasst, mit ungebauter Architektur zu arbeiten, wobei ich nicht sehr vielen Menschen vermitteln konnte, was ich damit meine. Dann entstand das Interesse nach Orten ohne eine klare Geschichte und ohne die Romantik eines „nicht mehr“, wie z. B. die gern bespielten Industrieruinen, sondern Orte eines „noch nicht“. Orte, die noch nicht durch eine gesellschaftliche Nutzung klar definiert sind, Möglichkeitsorte, Zwischenräume, die vom angrenzenden Umfeld definiert werden ... Ich war dann auf der Suche nach städtischen Restflächen oder Orten und hab dann über einen Bekannten, der dort häufig zu tun hatte, den Tipp bekommen, schau doch einmal in die Donaucity. Dort gibt es noch zwei Leerräume, also Restflächen, reisende Raumstrukturen, die fand ich vom Umfeld her, von den angrenzenden extremen sozialen Schnittstellen total interessant.

freie zeit art: Ein Veranstaltungspunkt von palais donaustadt war die Musikreihe "Picknick am Wegesrand". In der Tat erinnert mich das Gelände und das Abschreiten des Geländes durch deine Spieler in ballet palais auch an Tarkowskis Film "Stalker", dessen Vorlage ja Strugatzkis Roman "Picknick am Wegesrand“ war. Ist das Zufall?

Claudia Bosse: Das ist sicher nicht ganz Zufall. Das ist so zusammengekommen. Der Vorgang war so, dass ich Peter Rantasa angesprochen hatte, ob er sich vorstellen könnte, zu und in diesem Raum und seinen speziellen Bedingungen ein Musikprogramm zu kuratieren, der sprach wiederum andere Musiker an und der Titelvorschlag kam dann von ihnen, weil die wollten eigentlich wieder mit dem Picknick arbeiten, das sie 1997 gemacht hatten, und dann ist Stefan Parnreiter ,soweit ich weiß, durch Interenet-Recherchen auf "Picknick am Wegesrand" gekommen.

freie zeit art: Die so genannte „Zone“ in Stalker steht ja stellenweise unter Wasser, was jetzt natürlich die Assoziation zu New Orleans hervorruft, auch der Boden des Geländes erinnert mich an ein ausgetrocknetes Überschwemmungsgebiet. Wenn die untere Ebene von palais donaustadt die so genannte Badewanne von New Orleans wäre, was oder wer wären dann deine Spieler darin?

Claudia Bosse: Das kann ich jetzt so nicht ausdrücken …

freie zeit art: Eine weitere Assoziation von mir war der Hintergrund, dass hier ja Wiens größtes Gebäude entstehen soll …

Claudia Bosse: ... nicht das größte, das zweitgrößte …

freie zeit art: ...und das erinnert mich sofort an Ground Zero in New York. Können wir hier vielleicht die Geister der Toten von 9/11 sehen? Die ihren Platz behaupten, ihn durchmessen oder ihre Geschichte durchlaufen …

Claudia Bosse: Kann man sicherlich.

freie zeit art: ... nachstellen in einer Raum/Zeit-Falte?

Claudia Bosse: Kann man sicherlich.

freie zeit art: Aber es war jetzt nicht intendiert, das ist eine Lesart sozusagen?

Claudia Bosse: Das ist EINE Lesart. Aber genauso intendiert ist sie selten.

freie zeit art: Du überlegst vorher noch keine Assoziationen in Bezug auf Bedeutungen, wenn du an so eine Arbeit herangehst?

Claudia Bosse: Sonst habe ich und wir ja immer auf textuellen Grundlagen gearbeitet. Und hier war der Moment zu sagen „blanko“ und eine Choreografie zum Raum hin, vom diesem Raum ausgehend, zu organisieren. Natürlich ging es hier um eine Strukturierung von Zeit, und mir war sehr wichtig, eine unterschiedliche Art von Physikalität aufzuzeigen.

freie zeit art: Die gelben Kostüme haben mich einerseits an Arbeits-, aber auch an Gefangenenuniformen erinnert, wenn sie orange wären, könnte man sagen Guantanamo Bay. Könntest du da deine Spieler in die eine oder andere Richtung zuordnen, wenn du das müsstest?

Claudia Bosse: Nein. Was ich sagen kann, ist, wir haben ja die gelben Kostüme auch im Nestroyhof gehabt, und die gelbe Farbe , die gelbe Bekleidung kam von den Verschalungsplatten der Baustelle. Ich hab' sozusagen vorgegriffen auf palais donaustadt mit ballet palais; die ganze Installation, das Arrangement von palais donaustadt, war, Vorhandenes aufzugreifen und zu verfremden. Die Container sind die gleichen wie in der Baustelle, das ist alles geordnet. Die Kleider sind eine Mischung aus Bauarbeiter- Arbeitsbekleidung und Krankenschwester-Kostümen, die sind aber gefärbt in gelber Farbe. Eigentlich ging es darum, vorhandene Elemente zu nehmen, sie aufzugreifen und umzuorganisieren, schlussendlich immer an der Schwelle der Verwechslung zu arbeiten …

freie zeit art: ... und sie vorher eigentlich zu neutralisieren, in ihrer ursprünglichen Bedeutung.

Claudia Bosse: Ja, aber darüber umso deutlicher zu machen. So kam ein Bauarbeiter, der an der Nordbrücke arbeitete, zu uns in die Aufführung von ballet und sagte: It’s so crazy, it’s so crazy, it’s all about us, you represent our life." Ich kann nur sagen, das ist einfach das Gelb auf dem Weiß, einfach als Farbkontrast, der ins Flirren kommt, natürlich hast du die Assoziationen. Es ist ja allein schon eine Provokation, eine Einheitlichkeit herzustellen über Bekleidung, denn die Frage ganz gezielt nach den uniformierten Bekleidungssachen fand ich hier besonders interessant, weil beim Bau gibt’s die Weißen, die Maler, es gibt die Grünen, das sind, glaube ich, Elektriker, es gibt die Blauen, und dann die einzelnen Firmen, dadurch gibt es auch ein Gegenleben. ... Wobei es aber nicht um eine Art von Mystifizierung geht. Es geht um eine sehr einfache Konkretisierung, und dass die Setzung nicht nur Informationstransport mit sich bringt, die auf etwas anderes verweist, also die Grundfrage der vollkommenen Repräsentation. Was auch zurückgeht auf die Frage, was man einem Blinden beschreiben würde, was er sieht und was er nicht sieht. Eines der Hauptmomente in der Arbeit ist ja die Frage der Repräsentation. Oder vielleicht der Unterschied, auf welcher Ebene etwas repräsentiert wird.

freie zeit art: Eine ganz andere Frage. Es gibt ein Buch von Klaus Theweleit, das heißt „Das Tor zur Welt“.

Claudia Bosse: Das kenn ich nicht, ist das neu?

freie zeit art: Relativ neu, ja. Es geht um die Phänomenologie von Fußball. Und er zieht darin in einem sehr interessanten Kapitel eine Linie von der holländischen Landgewinnung über die Gemälde Piet Mondrians bis zur Viererkette des Fußballvereins Ajax Amsterdam. Also, es geht stets um die Bewältigung bzw. Beherrschung von Raum als holländische Eigenart, als holländische Grundeigenschaft. Raum, der beherrscht bzw. bewältigt wird, indem er ein- bzw. aufgeteilt wird. Wie siehst du das in Zusammenhang mit deiner Arbeit? Wird Raum sozusagen bewältigt, indem man ihn abschreitet bzw. durchmisst?

Claudia Bosse: Ich glaube, Raum existiert nicht per se. Und wenn man Raum als relatives Konstrukt begreift, wo bestimmte Parameter zusammentreffen – das heißt, es gibt das statisch Materielle, es gibt das dynamisch Materielle, es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse – also Raum, der Raumbegriff hat sich stark verändert seit Kepler z. B., es gibt den ganzen kulturtechnischen Hintergrund, aus dem wir das betrachten und analysieren, und dann gibt es den Moment der Synthese, der Raum wird von dir synthetisiert, er wird zusammengesetzt in deiner Wahrnehmung mit allen erlernten Techniken. Ob dann der Raum für dich dadurch bewältigt wird? Die Frage ist immer, für wen. Das palais donaustadt ist eigentlich auf seinen zwei Ebenen ein ganz absurder Ort, ihn zu einem Kunstort zu erklären, erscheint zunächst ebenso absurd. Das ballet speziell ist der Versuch gewesen, diese Relativität der Raumwahrnehmung über die Organisation der Körper im und zum Raum zu strukturieren. Der Ort beschreibt sich über eine chronologische Narration unterschiedlicher Raumaneignungen, der man folgen kann …

freie zeit art: Die Spieler vom ballet durchlaufen ja im wahrsten Sinne des Wortes Zeit und Raum. Du sagst, der Raum verändert sich ja eigentlich nicht dabei …

Claudia Bosse: ... der Ort verändert sich nicht . Ein Ort ist ein Ort, ein Platz. Ein Raum ist die vielfache Verschichtung unterschiedlicher Prozesse, die einen Ort braucht um stattfinden zu können.

freie zeit art: Was geschieht dabei mit den Spielern, passiert mit denen auch etwas?

Claudia Bosse: Da musst du sie fragen. Das ist für mich schwer, das in Stellvertretung zu beantworten. Ich hab eine ganz andere Position dazu. Jeder dieser Raumorganisationen hat eine andere Körperorganisation. Ich glaube schon, dass sie den Raum jeweils ganz anders wahrnehmen.

freie zeit art: Könnte man sagen, dass theatercombinat quasi die vier Dimensionen skelettiert und sie neu ausstellt?

Claudia Bosse: Das würde mir gefallen.

freie zeit art: Dabei entsteht für mich etwas Unsichtbares. Du hast selbst von dem Unsichtbaren gesprochen, also von Assoziationen, Bedeutungsräumen, Bedeutungszusammenhängen, die eigentlich nicht sichtbar sind und die aber das eigentliche Produkt sind, kann man das so sagen? Spielt sich dann das wirkliche Geschehen in einer fünften Dimension ab? Was man nicht sieht? Wie in einem physikalischen Labor generiert?

Claudia Bosse: Vielleicht. Ich meine, die vierte würde mir erst mal schon reichen.

freie zeit art: Ich finde, da ist noch eine drüber, und das ist für mich der Bedeutungsraum.

Claudia Bosse: Der Bedeutungsraum, der möglich wird aufgrund der konkreten Materialisierung der anderen Dimensionen.

freie zeit art: Du meintest einmal, Theater sei generell die Organisation von Zeichen. Welche Zeichen verwendet theatercombinat und wie werden sie organisiert, wenn man das überhaupt generalisieren kann – was ist das Spezifische an eurer Arbeit?

Claudia Bosse: Das sind alles so komplexe Fragen, worüber man lange und ausführlich reden müsste. Ich meine, wir befinden uns ja permanent in einer durch Zeichen organisierten Umgebung. Ich bin ja sozusagen permanent aufgehoben in Zeichen, in Informationen. Es gibt ja eine Vielheit unterschiedlicher Interessen, die sich in den Stadtalltagsräumen unterschiedlich überlagern. In denen ich mich als Subjekt hindurchbewege in einer extremen Form von Konzentration. Ich bin nicht mehr in der Lage, alle Reizinformationen, Teilcheninformationen aufzunehmen. Ich renne immer mit einem extremen Fokus herum, sonst würde ich wahrscheinlich durchknallen. Was mich interessiert am Theater, ist, vorhandene Zeichen aufzugreifen und Zeichenmengen extrem zu reduzieren und sie eigentlich dann sehr bewusst zu organisieren, im Hinblick auf ein gesellschaftliches Gegenbild. ... Und dann interessiert mich das am Theater: Schafft man etwas über die Organisation von Zeit, sodass das Zeichen seine Zeichenhaftigkeit verliert. Kann ich das Zeichen über eine andere Codierung wieder decodieren. …

freie zeit art: Man spricht ja oft von der Sprache des Theaters. Könntest du sagen, dass deine Arbeit eine gewisse Sprache hat, oder ist dieser Ausdruck fehl am Platz?

Claudia Bosse: Sicherlich gibt es über die Jahre Methoden oder Techniken, die man sich erarbeitet hat. Natürlich gibt es eine gewisse Kontinuität von Arbeit, es geht mir aber auch darum, die eigenen Gewissheiten in Frage zu stellen, diese Skelettierung immer wieder vorzunehmen – des eigenen Selbstverständnisses in gewissem Rahmen. ... Nachträglich kann man sagen, da gibt es immer wieder diese Referenz, da gibt es bestimmte Themen, Umsetzungen, die sich immer wieder gleichen. Im Wittgenstein’schen Sinne vielleicht als Grammatik, die sich über ihren Gebrauch bestimmt. Wobei aber jedes Projekt eine eigene Methode hat, aber jede Arbeit in ihrer Genauigkeit vielleicht ähnlich.

freie zeit art: Kontinuität von Arbeit bringt mich zur nächsten Frage. Wie hat man sich eine Probe von theatercombinat vorzustellen? Könntest du uns das schildern? Mir ist schon klar, die werden nicht alle gleich aussehen.

Claudia Bosse: Ja, aber im Normalfall gibt es vorher immer ein Training von ca. eineinhalb Stunden. Körpertraining. Eine Mischung zwischen Tanz und Yoga. Das hängt aber sehr von den Projekten ab. Wir proben für normale Menschen recht lange und bei allen Leuten auf einem hohen Konzentrationslevel. Mich macht das wahnsinnig, wenn es bei den Proben keine volle Konzentration gibt. Eine andere Konzentration schafft einen anderen Vorstellungsraum , Möglichkeitsraum.

freie zeit art: Gibt es irgendwelche Kriterien, nach denen du deine Choreografien erstellst, die ja sehr komplex sind, die abstrakt, ja mitunter sogar ohne Text funktionieren, wie jetzt im aktuellen Beispiel?

Claudia Bosse: Klar gibt es Kriterien. Aber die Kriterien messen sich immer an den jeweiligen Arbeitsobjekten. Die Kriterien verändern sich je nach Arbeitssituation. Für mich ist der erste Schritt einmal, Unterscheidung zu machen, über Ein- und Ausschlüsse zu arbeiten, die erst mal die Elemente klar machen. ... Dann entsteht häufig ein Materialpool, mit Unterscheidung, dann beginnt die Kombinatorik der Elemente, die – von diesem Material ausgehend – sehr unterschiedliche Zeit- und Raumstrukturen ergeben. Oft ist es die Reduktion, oft ist es erst mal das Wegnehmen von etwas Anderem.

freie zeit art: Dir ist in den Medien schon hin und wieder Theorielastigkeit oder Strenge vorgeworfen worden, ich habe das einmal im Standard gelesen. Woher kommt diese offensichtliche Aversion gegen, ich nenne das einmal in einer Hilfskonstruktion „theorienbasiertes Theater“? Kannibalisiert das Primat des Theoretischen sinnliche Erfahrung?

Claudia Bosse: Nein, das glaube ich nicht. Früher waren wir immer die Extremisten. Dann gab es so eine Art Label-Shift von der Truppe der Extremisten zu den Strebern. Mit der Bezeichnung „streng“ oder „Streber“ kann ich sehr gut umgehen. Es ist total interessant, wie hirnverbrannt unsere Gesellschaft versucht, Theorie und Theater überhaupt in Opposition zu stellen und offensichtlich autonom zu materialisieren. Wenn wir nun die alten Griechen betrachten, die eine komplett andere Verknüpfung zwischen Körper und Geist hatten, wo ein intelligenter Körper wie eine Art Verknüpfung ist, die Muskulatur der Synapsen und eine gewisse Assoziationsfähigkeit – das zeigt nur, wie unendlich arbeitsteilig und verrottet diese Gesellschaft ist, die auf solche stumpfsinnige Art und Weise solche Kriterien aufstellt. Und auch, mit welcher Angst sie besetzt ist. ... Es ist eigentlich interessant, in welcher mickrigen öffentlichen Landschaft man sich befindet, wie über Theater diskutiert wird, in welche schwachsinnige Opposition man dann Theorie und Körper stellt. Das sind eben diese halbwissenden Kulturarbeiter. Ich meine, ich kann ja immer gut umgehen mit sehr intelligenten Leuten oder sehr naiven, im guten Sinne direkten Leuten, und für mich war es interessant, dass es da draußen funktioniert. Für mich sind die unterschiedlichen Wissenschaften das Material, um immer wieder die Kriterien des Theaters zu befragen. Das Theater war immer so eine Art Modell von Gesellschaft. Somit bin ich darauf angewiesen, nicht nur eine Technik des Theaters zu beherrschen, sondern immer wieder diese Referenzen zu verstehen – oder versuchen, zu verstehen.

freie zeit art: Es gibt ja ein interessantes Zitat von David Lynch, der einmal sinngemäß gesagt hat, das Leben ist schon an und für sich unverständlich, er versteht nicht, warum die Leute dann in der Kunst immer etwas verstehen wollen. Ein schönes Zitat dazu, finde ich.

Claudia Bosse: Superschön. Die Frage ist immer, was gibt es für einen Begriff von Verstehen.

freie zeit art: Jetzt komme ich zur letzten Frage: Was kann man sich von theatercombinat in nächster Zeit erwarten?

Claudia Bosse: Es gibt zwei Ansätze: Zurück zum klassischen Theater, also mehr und wieder mit klassischen Theatertexten zu operieren. Andererseits eine Analyse zu machen: Beim Tanz fehlt mir das, bei der Performance dies und beim Theater jenes. Es gibt eigentlich ein geschriebenes Archiv über die Theatertexte, von der Antike über die Klassik bis hin zur Gegenwart. In jeder Zeit gab es ja bestimmte Verstrickungen eines Autors, eines Kunstproduzenten mit seinem politischen Umfeld, der hat ja unter ganz bestimmten Voraussetzungen operiert und gearbeitet. Es gibt eine ganz bestimmte Verknüpfung von Kunstproduzenten und Staat, ganz bestimmte ökonomische Abhängigkeiten, unter denen überhaupt produziert wird. Es geht mir jetzt darum, eine Serie zu machen, sich im Grunde mit Historiendramen auseinander zu setzen. …

freie zeit art: Es geht also um ein längerfristiges Projekt.

Claudia Bosse: Ja, ein Zwei-Jahres-Projekt.

freie zeit art: Habt ihr schon einen bestimmten Aufführungsort im Visier?

Claudia Bosse: Einen Ort nicht, der erste Teil wird Ende nächsten Jahres stattfinden.

freie zeit art: Dann danke für das Gespräch.


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