theatercombinat | august bis oktober 2002 anatomie sade/wittgenstein - body and building under construction, IP.TWO, lerchenfelder gürtel, 1160 wien (a)

sprache: deutsch

kritiken
publikation
buchrezensionen

eine theaterarbeit in 3 architekturen

111 minuten skizzen (ehemalige lederfabrik)

body, building and theory under construction (IP.TWO)


embody (halle g)

 

in der zweiten phase von anatomie sade/wittgenstein wurde das material für einen gewerberohbau transformiert. seit august 2002 bestand eine zusammenarbeit mit dem architekturbüro BKK-3, in dessen IP.TWO parallel zu den bauarbeiten und mit bauarbeitern geprobt wurde: body and building under construction. das choreographische material wurde in diese räume gesetzt, dadurch und durch die täglichen veränderungen im baufortgang beeinflusst und verändert, sowie neues bewegungsmaterial für die 7 etagen des rohbaus zum teil neu entwickelt.

im probenprozess entstanden zwei fassungen von anatomie sade/wittgenstein – eine «vertikale» dreistündige und eine «horizontale» vierstündige fassung, die je vier mal mittwochs und samstags vom 9. oktober bis zum 2. november gezeigt wurden. den abschluss bildete eine kombinierte 7-stündige fassung mit theorieinterventionen: body, building and theory under construction.

in den 2 kompositionen für zuschauer und spieler wurde gearbeitet mit gleichzeitigkeiten - d.h. je einem spieler in mehreren räumen, räumlichen konzentrationen aller darsteller in einem raum -, sowie vertikaler und horizontaler rhythmisierung des gesamtraumes, während auf jeder etage des treppenhauses ältere damen auf liegen aus der «philosophie im boudoir» von de sade vorlasen. die besucher waren eingeladen, sich durch das 7-stöckige gebäude zu bewegen und ihre eigenen perspektiven zu bestimmen. «verpassen» war teil der rezeption. die zuschauer wurden als mobiler «baustein» - individuell bestimmbar - teil der choreographie.


  konzept und choreographie: claudia bosse, choreographie und spiel: markus keim, andreas pronegg, christine standfest, doris uhlich, gäste seit 08/02: maya bösch (choreographie, spiel), martina luef (installation), gini müller (kontext), anne schülke (kontext), irene kainz traineings: milli bitterli, georg blaschke, christine kono, loulou omer, iwan wolfe

als lesende: ingrid radauer, susanna peterka, uschi halmagyi, ilse urbanek, elfi sus u.a.

IP.TWO, lerchenfelder gürtel, 1160 wien, 9 präsentationen zu 3, 4, und 7 stunden (oktober - november 2002)

partner: BKK-3, brick-5, eurofoam

unterstützt von wien kultur


selbst/beschreibungen von bewegungsabläufen   c.s.
gehe ins material für die unterleibsübung. beginne mit der rekonstruktion der folge, so weit es sie gibt. stehende ausgangsposition. ich habe untenrum nichts an.
stehe ich gut (d.h. aufrecht und auf den fussohlen) – beginnt die rechte hand mit den fingern von unten an die rechte arschbacke zu klopfen, das fleisch, das von da herabhängt, in wallung zu versetzen, kleine, schnelle bewegung. die hand ist instrument für das fleisch, das wabbeln, die wellen, die sich durch die haut das fett in die muskeln fortsetzen.
der rest des körpers ist ruhig. wichtig ist die lockerheit des handgelenks. es ist keine masturbationsbewegung, keine angespannte rhythmik. ziellos.
die hand hört auf mit wabbeln. die hand hört auf als wäre sie plötzlich durch irgendwas gestört worden. sie hängt in einem gewissen abstand über der arschbacke, haut dann klatschend auf das fleisch, greift hinein, fest, die finger fast im loch. greift das fleisch, zwickt hinein, rutscht am fleisch ab, es quillt heraus je fester die finger versuchen, es zu greifen. bis die hand ganz abrutscht. sie beginnt wieder mit dem wabbeln. es gibt eine dynamik der vibration des fleischs während seiner stimulierung, die eine gewisse gier erzeugt, so als würde die kraft, die aus den fingern kommt, von der fetthautmaterie übernommen, sowas muss beendet oder bedient werden – beide hände greifen fest und klatschen den arsch, vergreifen sich an der linken und rechten backe, die finger greifen an den rand des lochs, vergreifen sich da, suchen halt, um den arsch auseinanderzuziehen – auseinander und hoch – durch das «hochziehen» meiner selbst vom hintern aus lehnt sich der oberleib nach vorne, senkt sich – ich lehne mich praktisch in meine hände hinein – soweit, bis es wehtut hinten die haut, der zug zu groß wird und ich das gleichgewicht verlieren würde in dieser richtungsänderung des körpes von den ziehenden händen aus. nicht der rücken ist aktiv, biegt sich, geht runter, nein (dies eine entwicklung: zuvor war das zu unbestimmt – «beuge» ich mich und strecke den arsch raus und «biete» das loch an – eine z.b. typische pose, die keine innere spannung hat, kein selbstverhältnis bearbeitet oder keines zwischen händen und fleisch, in das sie greifen, sondern nur nach aussen gerichtet ist, ein mehr oder weniger gelungenes imitat. c.b.s immerwährendes verdikt: die wege bearbeiten! die verhältnisse klären!) immer wieder extreme schwierigkeiten, nicht mit dem nach aussen gerichteten blick «hängen» zu bleiben, die dynamik der bewegung zu verschleifen die aus dem zug der hand an dieser stelle kommt. der körper folgt. immer wieder taucht das auf, diese verwechslung - effekt einer absicherung, versicherung. (...)
die hände greifen nun sanft nach hinten, ziehen die haut um den oberen beckenrand herum ab, vergreifen, überprüfen die unterschiedlichen qualitäten/verbindungen von haut auf fett, haut auf muskeln, haut auf knochen – auf dem weg, beide hände parallel an den seiten lang nach vorne – von der eher stumpf sich anfühlenden haut über dem steissbein, die eigentlich nach wehtun schreit in ihrer stumpfheit, weil sie total dünn ist und erregbar und markierbar.

d.u.
ip.two, lerchenfelder gürtel
barocker scham, barocker charme
es flatterte flatterte kein stoff, nur der busen. im rahmen der arbeit mit körpermaterial wird sie neugierig auf ihren körper. die neugierde ist stärker als ihr schamgefühl
2.6. «die fleischsäule»
beschäftigung seit 18.8.02. zielsetzung: bis jetzt transformierte d ihr bisheriges material in den neuen räumlichkeiten des gürtelhauses. nun will sie, daß der neue raum ihr ideen zu neuem material liefert. die betonsäulen stellt sich d als fleischstränge vor, und durch eine art «contact» mit der säule soll die massivität des betons in frage gestellt werden. dabei wird zunächst die organik des quaderförmigen betons erforscht; die faszien der fleischsäule sollen schwingen, die säule ins körperfleisch eindringen.
bewegungsmaterial: 2 spuren- bekleidet und nackt; beide spuren werden separat verfolgt; es wird noch erforscht, wie das
aus- und anziehen über den säulenkontakt passieren kann.
verwandelt unsicherheit in lust.
(...) was ist die haltung der haltung? vielleicht eben vielleicht eben dieser entschluß, den raum im hier und jetzt zu «benutzen», der entschluß, die haltung halten zu wollen. und auch der entschluß widersetzt sich etwas...dem momentanen befinden? ich empfinde entschlüsse zu fassen oft augenblicklich als endgültig...die momentane endgültigkeit eines entschlusses widersetzt sich mir. widerstände überall...- die notwendigkeit eines entschlusses ist wahrscheinlich eine kraft, die wir unserer nachlässigkeit in puncto «haltung halten» zum entgegensetzen brauchen.

 

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