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claudia bosse / theatercombinat


august - oktober 1997 ich, maude oder la malvivante sylviane dupuis, parochialkirche/podewil berlin, festspielhaus hellerau dresden (d) | märz - juni 1996 moi, maude ou la malvivante, théâtre du grütli, genf (ch)


 

wie verhält sich die gesellschaft zu wahnsinnigen taten? liegt der irrsinn innerhalb oder außerhalb der gesellschaftlichen vereinbarung? was sind die effekte von moral und humanismus? welche individuellen und sozialen utopien sind denkbar?

anhand von dokumentarmaterialien zu jürgen bartsch, sowie den «materialien zum verhältnis von psychiatrie und strafjustiz zum fall rivière» (hg. von michel foucault) und «les nourritures affectives» von boris cyrulnik, beschließt die autorin sylviane dupuis, nicht wie vorgesehen eine theateradaption zum fall bartsch zu erarbeiten, sondern «ein theaterstück zu schreiben, das von einer jungen elternmörderin handelt und sich um die heutige zeit dreht» - frei erfunden und nicht gegründet auf einen realen vorfall, ausgehend davon, dass «das theater ein ort ist, an dem der kriminelle akt zur metapher werden kann» (sylviane dupuis).

das stück ist eine versuchsanordnung für eine «phantasie sociale» unter den bedingungen des theaters: sprache - körper - raum - konstellation. der stückplot wurde von claudia bosse zusammen mit der schweizer autorin entwickelt.


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  moi, maude ou la malvivante (genfer fassung)
regie: claudia bosse, performance: armand deladoëy, barbara baker, noemi lapzeson, camille giacobino, jerome deslarzes, pierre perrotton, theo meister/alexis moeckli, daniel wolf, masken: silke rosenthal, licht und raum: jean-michel broillet, text, mitarbeit: sylviane dupuis

uraufführung, théâtre du grütli, genf; erarbeitung: märz - juni 1996, aufführungen: 28.5. - 9.6.1996

ich, maude oder la malvivante (deutsche fassung)
regie, raum: claudia bosse, performance: barbara baker, armand deladoëy, dominika duchnik, christian maria goebel, ronnie marzillier, heike müller, silke rosenthal, angelika sautter (berlin), christine standfest (dresden), mitarbeit dramaturgie: christine standfest

parochialkirche/podewil berlin, festspielhaus hellerau dresden; erarbeitung: august - oktober 1997, aufführungen: 13.9. - 22.9.1997 (berlin), 1.10. - 2.10.1997 (dresden)

partner: association genèveberlin, théâtre du grütli, pro helvetia, lotterie romande (ch); podewil berlin, pro helvetia, fond darstellender kunst, festspielhaus hellerau (d)


projektentstehung   auf einladung des damaligen direktors bernard meister können 1996 claudia bosse und sylviane dupuis «la malvivante» realisieren, ein freies autorenprojekt, das im théâtre du grütli in genf in französischer sprache uraufgeführt wird. dieses projekt ist angelegt als arbeitsaustausch berlin - genf, koproduziert von der association genèveberlin, dem théâtre du grütli und dem podewil berlin.

ein freies autorenprojekt insofern, da der text für diese arbeit entstand und entwickelt wurde und zu beginn der probenarbeit noch nicht vollständig existierte. «la malvivante» entsteht durch das von der autorin sylviane dupuis und der regisseurin claudia bosse geteilte interesse an der entwicklung von formen zeitgenössischen theaters, die öffnen, in frage stellen; die dazu da sind, produzenten und zuschauer gleichermaßen mit prozessen gesellschaftlicher veränderungen oder brüche zu konfrontieren. der raum ist ein 250 m² großes theaterstudio, das farblich markiert als gesamtraum für spieler und zuschauer genutzt wird.

in anwesenheit der autorin wird der text in der berliner fassung während der proben mit den schauspielern in seinem veränderten aufführungskontext hinterfragt und weiterentwickelt. die ursprünglich romanisch-schweizerische besetzung wird mit berliner darstellern kombiniert, was zu veränderten arbeitsauseinandersetzungen führt.


 

arbeitsphasen und
arbeitskontext

  märz bis mai 1996: théâtre du grütli/genf
der arbeitsansatz ist, über ein thematisches interesse in zusammenarbeit mit einer autorin ein stück zu erarbeiten. in anwesenheit der autorin wird der text während der proben mit einer spezifischen konstellation aus schauspielern und tänzern weiterentwickelt.

exkurs: theatercombinat berlin
«mauser» von heiner müller. eine theatrale forschungsarbeit über sechs monate in berlin. fortgeführt im arbeitsaustausch mit der französischen schweiz, gezeigt beim festival de verbier im juli 1997. im mai 1997 nimmt das theatercombinat an dem festival «reich und berühmt»/werkstattforum des experimentellen theaters mit einem einwöchigen projekt zu elfriede jelineks «sinn egal. körper zwecklos» im podewil in berlin teil - jeweils mit darstellern aus der «la malvivante»-arbeit als gästen.

ab august parochialkirche, ab september 1997 festspielhaus dresden-hellerau
die beteiligten kombinieren die verschiedenen arbeitsphasen und arbeitskontexte. einige arbeiten zum ersten mal in diesem rahmen. «ich maude... oder la malvivante» ist für genf in französischer sprache geschrieben. im dortigen kontext ist der bourgeoise habitus der figuren «realistisch». jetzt muß eine form gefunden werden, die diesen kontext nicht kommentiert. im deutschen ändert sich der impetus des texts. die endsilben schließen die sätze ab. spricht man gegen diese struktur der sprache, zeigt sich die macht der konvention als körperlicher vorgang.

zur arbeitsweise
die arbeit dreht sich nicht um den protagonisten. nicht die konstruktion eines selbst ist interessant, sondern das verhältnis zueinander und zum gesamtraum. der spielraum ist als verlängerung des stadtraums material der inszenierung. seine architektur, seine akustik, seine geräusche sind konkrete bestandteile der arbeit, die sich mit jedem wechselnden ort verändert. alle proben sind öffentlich. in jedem arbeitsmoment, in jeder improvisation ist der zusammenhang enthalten. die proben werden bis zur letzten veröffentlichung fortgeführt. der prozeß der veränderung ist beendet mit dem letzten aufführungstag.


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