Elfriede Jelinek
"Sinn
egal. Körper zwecklos. 5-7"
theaterkombinat : Claudia Bosse,
" es werden
bei jeder Vorstellung alle komplett ausgewechselt und machen jedesmal etwas
ganz neues. Sie haben einen Vorrat an möglichen Spielzügen, aber nichts wird,
ähnlich unserer Kleidung , ganz genauso wiederholt wie es war. Nur die Zeit
bedroht uns alle mit dem Vergehen! Theater darf es nicht mehr geben."
Elfriede
Jelinek
Ansatz der Jelinek-
Aktion ist es, die Arbeitszeit gleichzusetzen mit der Dauer der Theaterwerkstatt
" reich & berühmt". Drei Versuche sind öffentlich. Sie stellen
Annäherungen, Versuchsanordnungen zum Text dar- das Gegenteil von gesichertem
Arbeiten. Ziel der Untersuchung ist es, die etwaige Einheit von Körper und
Sprache völlig aufzulösen, so daß sich weder körperliche Abläufe aus sprachlichen
ergeben , noch umgekehrt. Das theaterkombinat arbeitet seit 1996 im Podewil,
Berlin. Beteiligt sind Regisseure, Schauspieler und bildende Künstler.
(aus der Ankündigung
"reich & berühmt" ´97- II. Theaterwerkstatt vom 5.-11.Mai ´97,
im Podewil, Berlin
)
beschreibung des werkstatt verlaufs und der 3 aktionen
mit
beginn des festivals am 5.05.97 um 0.00h zogen wir ins podewil ein und erichteten
in einem raum unsere schlafstatt.
die verabredung war, jede bereitet sich allein mit den texten "ich möchte
seicht sein", "sinn egal. körper zwecklos." und "stecken,
stab und stangl" von elfriede jelinek auf die aktion vor. unsere gemeinsame
arbeitszeit begann mit dem beginn von "reich und berühmt".
wir vereinbarten, nachts zu arbeiten und tagsüber "öffentlich"
zu schlafen. man konnte uns also tags beim schlafen zusehen oder nachts bei
den proben besuchen. im verlauf unserer nächtlichen proben ergaben sich
für die von vornherein an drei terminen um mitternacht angesetzten im
folgenden beschriebenen versuche mit publikum. jeder der sieben tage wurde
von jeweils 24.00-12.00h mit video dokumentiert.
1. veröffentlichung am 7.05 um 0.00h: jede
darstellerin war in einem der 5 aneinandergrenzenden büroräume des
podewil mit den haaren an der decke fixiert, unterschiedlich be- oder entkleidet
vor jeweil einem der mikrofone. die lautsprecher waren im gang aufgestellt,
auf den verbindenden gang dieser 5 räume. in dem 5.raum, unserem schlafraum,
hing an einem band von der decke ein cassettenrecorder, aus dem elfriede jelinek
selbst den text "sinn egal. körper zwecklos." sprach. die darstellerinnen
improvisierten akustisch mit textteilen aus "stecken stab und stangl"
sowie "ich möchte seicht sein": eine musikalische komposition,
bei der die besucher nahe zu den einzelnen darstellerinnen - die jeweils voll
bekleidet, oben nackt, unten nackt oder ganz nackt und, wie schon erwähnt,
mit den haaren an die decke fixiert waren - in die einzelnen räume treten
konnten oder aber den durch lautsprechern auf den gang übertragenen textcollagen
von ausserhalb der räume aus folgen konnten. nach zwei stunden habe ich
jede darstellerin mit einer schere an den haaren von ihrer kopffixierung abgeschnitten,
damit war die aktion beendet.
2. veröffentlichung am 9.05.
um 0.00h: die dauer war ident mit dem 1. versuch. die gleichen räume
wurden benutzt. die mikrofone, an denen die darstellerinnen standen, sind
eingeschaltet, die jelinek texte wie "stecken, stab und stangl",
"ich möchte seicht sein" liegen daneben. die reste der haare
der abgeschnittenen darstellerinnen hängen von der decke an stricken
vor den mikrophonen. wir liegen zu fünft auf den betten, die augen geschlossen,
und sprechen, uns abwechselnd, chorisch, leise den "sinn egal. körper
zwecklos." text. wir versuchen ein lächeln auf dem gesicht zu bewahren
und egal, was passiert, mit geschlossenen augen liegen zu bleiben und den
text ruhig weiterzusprechen.
an den mikrophonen versuchten einige, mit den texten zu arbeiten, andere erzählten
irgendwas, um witzig zu sein. wir haben geschehen lassen, was mit diesem angebot
gemacht wurde. einige kamen so nah mit ihren gesichtern zu uns, dass man den
atem spürte. nach exakt 2 stunden wurde die aktion beendet.
3.
veröffentlichung am 11.05. um 0.00h: in der eingangshalle des
podewil sind sitzgelegenheiten verteilt, texte und mikrofone. die räume
im ersten stock bleiben geöffnet, oben wird ein video unserer arbeits
- und schlafdokumentation gezeigt. nachbarn, freunde und verwandte haben wir
eingeladen, nach spielregeln gemeinsam "stecken stab und stangl"
zu lesen, in der halle verteilt, auf sofas sitzend, in mikrofone sprechend.
die lesungen wurden in den ersten stock, den hinterhof, sowie auf die strasse
übertragen. wir umsäumen mit sich wiederholenden bewegungsfolgen
den hauptraum, die halle: silke im schacht des stiegenhauses mit armbewegungen,
dominika im gang zum ersten stock mit schlagbewegungen. heike rannte von der
strasse in die eingangshalle und zurück auf die strasse, an den zwei
ankündigungs-videobildschirmen des podewil vorbei, auf denen die anderen
beiden veröffentlichungen zu sehen waren, auch die zuschauer von den
tagen zuvor, die nun wieder da sind und auf dem video zu beobachten sind.
ich gehe im hof eine strecke in zeitlupe zu dem aus den lautsprechern kommenden
lesen der besucher.
das lesen der nachbarn,
freunde, verwandten mischte sich mit dem lesen von den besuchern/gästen.
die gäste/besucher hatten die komplette verfügung über den
text und dessen auswahl und gestaltung. wir säumten / rahmten mit sich
wiederholenden bewegungen den grossen sozialen lesekörper.
fotos
" Einzig
Claudia Bosses " Theaterkombinat " , das sich Elfriede Jelineks
Kritik am bürgerlichen Theater zu eigen gemacht hatte, und statt eine "
fertige Aufführung" zu zeigen, einen öffentlichen Arbeitsprozess über
die Dauer der Werkstatt installierte, forderte von den Zuschauern mehr als
einfache Anwesenheit. Die gewohnte , passive Rezeptionshaltung verlassend
wurden sie bei Sinn egal. Körper zwecklos
zu Mitproduzenten."
Kathrin Tiedemann
im Freitag
"Der Schlafsaal
entpuppt sich bei diesem Projekt tatsächlich als inszenierter Raum. Auf den
Matratzen liegt ein Text von Elfiede Jelinek " Sinn egal. Körper zwecklos."
In den angrenzenden Räumen ist der Sprechchor der Spielerinnen verteilt. Jelinek
beschreibt die Bühne , auf der sich die Darsteller der Spielsituation aussetzen.
Diese hier stehen halbnackt im Raum, manche gänzlich entkleidet. Das Publikum
wird zum Voyeur, die Akteure sind ihm ausgeliefert, ausgesetzt. Was hier nur
als Blickkontakt besteht, zeigt doch für einen Moment, was im Theater bei
aller Innovation unverzichtbar bleibt- einander , sich wahrzunehmen."
Michael Freundt
in Berliner Zeitung