tragödienproduzenten (englisch)

"bambiland" im herbst 2008 in wien, "die perser" vom 6.-10.juni 2008 theaterformen braunschweig, "phedre" 22.april- 4.mai 2008 maison de faubourg, genf "coriolan" premiere 17. oktober 2007 "turn terror into sport" 15.september 2007, "die perser" premiere am 6.dezember 2006 alle in wien, "les perses" premiere am 13.november 2006 in genf, presse genf

 

tragödienproduzenten: eine theatrale serie - historische theatermodelle+ text-architekturen als material zur untersuchung der gegenwart. eine kooperation mit dem GRÜ/théâtre du grütli in genf.


tragödienproduzenten
erarbeitet von 2006 bis 2009 aischylos` die perser, shakespeares coriolan, racines phädra, elfriede jelineks bambiland und 2009 tragödienproduzentenmultihybrid, eine montage aller texte und inszenierungen. die ausgewählten texte sind ein schnitt durch die geschichte und die theatergeschichte. sie beziehen ihre geschichtlichen und mythologischen hintergründe aus der antike und bearbeiten historische umbruch-konstellationen. die texte sind dokumente unterschiedlicher epochen: antike, renaissance und barock. diese epochen markieren unterschiedliche politische und ästhetische systeme und führen von der demokratie der polis zu konstitutioneller monarchie und absolutismus.


in der serie „tragödienproduzenten“ geht es nicht um die aufführungspraxis der einzelnen texte, sondern um eine theatrale studie im zusammenhang der oder schnitt durch die texte. nicht nur das einzelne stück und seine umsetzung stehen im zentrum des interesses, sondern der dialog, die korrespondenz der texte und umsetzungen zueinander. das interesse ist, mit und in den texten zu recherchieren und über einen zeitraum von zunächst zwei jahren räumliche, historische, demografische und sprachliche untersuchungen vorzunehmen, um aus oder mit der konstellation der historischen modelle perspektiven für zeitgenössisches theater zu entwickeln.

die jeweiligen texte sind speicher spezifischer historischer erfahrung. über ihre sprache sind körperliche praxen, körperbilder und darstellungsmethoden impliziert und zu erforschen. der habitus der darstellung wird durch die textuelle struktur, phonetik, interpunktion, metrik, den spezifischen atem, die "gestimmheit“ der texte, ihre bilder, ihre zeitkonstruktionen, ihre poesie von bildern, metaphern, das verhältnis der sprache zur emotion und deren beschreibung als handlung, beschreibung oder argument gebildet.


théâtre du grütli, generalprobe "les perses" am 12.11.2006, www.federal.li

die von theatercombinat seit anatomie sade/wittgestein erarbeiteten körpertechniken und körpercodes sollen im zusammenhang mit den tragödientexten weiterentwickelt werden, im sinne einer theaterform, die gleichermaßen choreographisch, installativ und über sprache operiert und über die kollision oder das zusammenwirken dieser ebenen. an nicht-kunst-orten werden durch das arbeiten mit installationen, choreografien von akteuren und zuschauern, diese in ein verhältnis gesetzt zu metrischer, d.h. künstlicher sprache. tanzperformancetechniken für überdimensionierte alltagsräume werden mit nicht-identifikatorischen sprechtechniken des theaters konfrontiert und führen zu einer befragung der selbstverständnisse der darstellenden künste.

historisch und kulturtechnisch sollen die politische bedeutung des theaters analysiert werden, sowie die architekturen der situationen, in denen theater in seiner zeit an den jeweiligen orten innerhalb der städtischen anlagen stattfand. theater wird so zum aushandlungsort einer praktischen untersuchung der funktion und des status des körpers des akteurs im jeweiligen raum im verhältnis zur konstruktion des jeweiligen textes, als auch zum ort der konfrontation mit dem körper des zuschauers - dessen status und repräsentationtechniken in den jeweiligen situationen und architekturen, die sich von epoche zu epoche in ihren teilaspekten verändern.

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théâtre du grütli, generalprobe "les perses" am 12.11.2006, www.federal.li

theater als politisches archiv und labor von repräsentations-techniken
was ergibt sich, wenn man die konstellationen und die bedingtheiten der theatralen produktion der verschiedenen epochen und ihre jeweiligen situations-, kommunikations- und sprachspezifika auf heute überträgt, um daraus gegenwärtige experimentelle versuchsanordnungen zu entwickeln? welche politischen, ökonomischen, räumlichen und öffentlichen verflechtungen würde dies für die heutigen konstellationen der theatralen produktion - als modelle zwischen öffentlichkeit, politik und kunst - ergeben?

in welcher weise konstruiert der alexandriner des racine oder der blankvers von shakespeare etc. den darsteller, seinen körper im verhältnis zum text, die theatersituation? welche unterschiedlichen konzepte von theater sind diesen 3 texten in ihren jeweiligen epochen eingeschrieben?
welche politischen verständnisse und gesellschaftlichen entwürfe sind in den genannten sprachmaterialien repräsentiert? wie werden die überlieferten kodifizierten darstellungsformen zum potential für zeitgenössische theatertechniken und darstellungsformen, für rauminstallationen, für körpermaterial, für sprecharbeit?

wie stehen die gebauten und gedachten konzepte von stadt wiederum im verhältnis zu den raum- und repräsentations-strategien von theater sowie der platzierung des theaters in städtischen anlagen? wie ist das verhältnis der repräsentation des staates, seiner machtorgane, zu funktion, repräsentationstechniken und abhaltungscodes des theaters in den jeweiligen epochen?


théâtre du grütli, generalprobe "les perses" am 12.11.2006, www.federal.li

somit sind die historischen dispositive und techniken des theaters die öffentliche mikroebene des aushandlungsraumes einer staatlichen ideologie und eines politischen konzeptes. die entsprechungen oder gegenüberstellungen der repräsentationstechniken bestimmen und bilden die codes und gesten, d.h. den habitus im öffentlichen, mit.

somit wäre theater das gesellschaftliche laboratorium seiner jeweiligen zeit: ein regulierter, mit handlungsverträgen kontrollierter ort einer körperlichen (alle teilnehmenden produzenten sind physisch anwesend und wechselseitig sichtbar und beobachtbar) und kollektiven produktion von bedeutung.

„ich denke das theater immer noch von brecht aus, als pädagogium einer gesellschaftlichen praxis, als erzeugung einer situation mit den potentialen performativer praxis, als ort der überprüfung gesellschaftlicher realität, ihrer habituellen konventionen und mechanismen. in differenz zu brecht geht es nicht um die darstellung derselben, sondern um die sichtbarmachung vorhandener strukturen, somit einer theatralisierung des alltags, einer verfremdung des alltäglichen, indem man dem alltäglichen andere räume, bühnen, zeiträume oder konzentrationsräume der betrachtung gegenüberstellt.“ (claudia bosse)

raummodelle. prozess in 2 städten und sichtbarkeit des verlaufes
eine recherche über raummodelle der epochen soll bei der entscheidung über spielorte als leitfaden dienen. in den jeweiligen städten werden räume gesucht, die die historie der repräsentation von ökonomie, politik, theater und macht nachvollziehbar machen. oder es wird eine installation entworfen, die sich in den jeweiligen städten an öffentlichen orten für jedes stück strukturell verändern lässt (siehe beispiel "palais donaustadt" in wien).


ein rechercheteam
von 3 akteur/innen(gerald singer, christine standfest, doris uhlich) bearbeitet mit der regisseurin claudia bosse die drei texte in einem zeitraum von 2 jahren. für die jeweiligen texte werden gäste für den produktionszeitraum eingeladen wie zb.aurelia burghardt, werner möbius u.a.. die produktion betreut lena wicke und ani mezaduryan. die arbeit wird in wien in unseren neuen räumen derrraum! im alten anatomie gebäude am anton von webern platz 1 erarbeitet und in unterschiedlichen räumen in wien gezeigt. in kooperationen mit dem institut für klassische philologie der universität wien (prof. georg danek) wird die diskussion zum verhältnis von theaterpraxis und theatertheorie etabliert. in planung. es besteht eine zusammenarbeit mit der akademie der wissenschaften wien und eine kooperationen mit dem „grü“ in genf. der arbeitsprozess wird in diese städte, ihre öffentlichen räume, theaterinstitutionen und ausbildungstätten hineinwirken. die aufführungen/diskurse setzen in den einzelnen städten spezifische schwerpunkte - z.b. ein 500 personen laienchor in zusammenarbeit mit schauspielschulen der französischen schweiz in genf für „die perser“ (siehe konzept im anhang).


théâtre du grütli, generalprobe "les perses" am 12.11.2006, www.federal.li

arbeitsmodell wien.genf (dokumentation des genfprozesses mit interviews etc)

modell 1 modell eines chores - aischylos „die perser“

zuschauer als teil des chorkörpers. nähe am atem und der produktion der sprache. kein bild. chor als soziale skulptur.
heute mit chören zu arbeiten stellt die frage nach der polis, nach dem bürger. der arbeitsansatz ist, das lehrstück von brecht mit dem arbeitsmodell des antiken chores zusammenzudenken, einen chorversuch zu iniitieren, der mit 500 amateuren, d.h. bürgern der stadt genf, realisiert werden soll. wer war an den chören der antike beteiligt? wer sind die bürgerinnen und bürger der stadt genf?
der text der antiken tragödie schafft die bewegung. die sprache bewegt den geist in einer räumlichen situation. die körper agieren in einer situation und erzeugen den text.

der erarbeitete versuch soll sowohl im großen saal des theatre du grütli, leergeräumt und angefüllt mit einem chorkörper, der den gesamten raum besetzt, als auch als ein menschenkörper, eine soziale skulptur im stadtraum von genf gezeigt werden. ca. 100 zuschauer werden sich zwischen dem chorkörper aufhalten: ein gesamtkörper, in dem sich die körper der chormitglieder mit den körpern der zuschauer-hörer, teilnehmer verbinden und ein durchwobenes körpernetz bilden.

der arbeitsprozess wird in wien beginnen und sein material nach genf tragen. die protagonisten - akteure des theatercombinat wien - werden die texte als teil des gesamtkörpers sprechen, wahrscheinlich auf altgriechisch, den gesamtkörper durchschreitend, über ihm, auf dem technischen grill über dem theatersaal oder auch im öffentlichen raum außerhalb des chorkörpers. versucht wird, ein labor in der theaterpraxis der stadt genf zu etablieren, mit dem schwerpunkt eines chores und des textes „die perser“ von aischylos. der chor soll nach einer streng rhythmisierten partitur erarbeitet werden. 

7 schauspieler des laborkollektivs und weitere schauspieler werden in einem workshop in einer ersten erarbeitungsphase als chorführer ausgebildet. die chorführer erarbeiten in den folgenden 3 monaten in kleingruppen zwischen 15 und 20 teilnehmern, bürgern der stadt genf, entlang der partitur die chorpassagen.

somit wird die frage und schwierigkeit der erabeitung des chores als prozess oder labor in die stadt genf getragen und eine praktische diskussion über theater anhand der proben entfacht. jeder chorführer ist für seinen teilchor zuständig und muss selbstverantwortlich methoden der weitergabe entwickeln. nach einem monat o.ä. wäre denkbar, dass z.b. gruppe 1 mit gruppe 6 zusammenarbeitet, oder gruppe 12 mit gruppe 3 etc., um immer wieder ein abgleichen der vorgehensweise zu ermöglichen und den auseinandersetzungsprozess in gang zu halten. ab august wird in wien eine fassung erarbeitet, die ende okt./nov. auf den gesamten chorkörper trifft. innerhalb eines monats wird eine arbeitsfassung für genf erstellt.

1) 12 chorführern werden von claudia bosse im juli 2006 in genf trainiert und in die partitur eingearbeitet
2 ) 12 chorführer trainieren genfer bürger in kleingruppen von mitte august bis oktober 2006
3 ) august 2006: probenbeginn "die perser" in wien, zuvor probenblöcke mit dem wiener chor
4) mitte oktober bis mitte november: die wiener crew geht nach genf zur erarbeitung der genfer fassung mit den genfer chorführern und chören
5 ) aufführungen im theater du grütli und im öffentlichen raum genf zwischen dem 13. und 19.november auf franszösisch und deutsch.

6) zwischen dem 6. und 20. dezember aufführung in wien mit dem wiener chor

problem totalitärer maßnahmen und autorisierung des zuschauers

um bestimmte sehgewohnheiten und rezeptionsgewissheiten zu unterbrechen, bedarf es immer totalitärer akte, die die produktion von bedeutung freigeben, im besten falle haltungen erzeugen beim publikum. eine haltung wird durch künstlerische strategien provoziert, herausgefordert, genauer noch mehrere haltungen, die sich mit dem theater, der lesart des theaters und der produktion des textes und der körper konfrontieren.

die meisten theatralen einsätze setzen eine zustimmung voraus, etwas wird gezeigt, vorgezeigt, man stimmt zu. das wesentliche wird jedoch nicht im zeigen gezeigt, sondern im zwischenraum zwischen gezeigtem, produziertem und dem rezipienten provoziert. theater kann kommunikation und politische haltungen durch die verwendung und materialität seines mediums provozieren, nicht nur über das, was dargestellt und vorgezeigt wird. der akt des ergreifens und selbst entscheidens über handlungen und haltungen ist die möglichkeit des theaters, für akteur und rezipient, dem koproduzenten der theatralen situation. alle sind anwesend und verbringen eine gemeinsame zeit, die eine exzeptionelle ist, mit künstlichen mitteln strukturiert wird. dies macht möglich, alltag zu reflektieren, in der situation einer anderen logik und sensibilität von zeit und zeichen. eine rezeption und kommunikation, die die alltagserfahrungen attackieren und deren logik in frage stellen kann.

nur ein willkürliches durchbrechen der alltagsgewohnten wahrnehmung kann einen vorgang der autorisierung des zuschauers ermöglichen. die herrschenden ästhetischen und politischen und kommunikativen strategien in frage stellen über einen theatralen entwurf, in der materialisierung eines anderen: einer anderen sprache, anderer körper in anderen situationen etc. das ist die subversion des theaters, vielleicht der grund, warum es in der polis als gefährlich galt und bei den calvinisten verboten war.

das theater hat die möglichkeit, ein labor zugleich gesellschaftlicher, als auch ästhetischer, als auch repräsentativer praktiken zu sein. das ist sein potential. die eine strategie kann mit der anderen gegengelesen werden, dies aber nur in offenen räumen, in denen jeder die situation teilt und akteur wird. akteur seiner selbst innerhalb eines auszuhandelnden situativen kontraktes und zuschauer der anderen gesellschaftlichen akteure, ihrer miene der zustimmung oder ablehnung. so ist nicht nur der schauspieler schauspieler oder der tänzer tänzer, der beobachtetet, sondern alle beobachten sich auf dieser gesellschaftlichen bühne gleichzeitig und agieren in der repräsentation ihrer zugehörigkeit in der verfolgung der beobachtung aller körper, im lesen ihrer ökonomien von aufmerksamkeit.

der gesellschaftliche chor vermischt sich mit dem chor der antike. der riss der geschichte wird ein körperlicher. die erfahrung des fremden erfahrbar in unmittelbarer nähe, in unmittelbarer nähe der produzenten der fremden sprache, die einen umzingeln, umkleiden. eine gemeinschaft von körpern und produzenten unterschiedlicher ordnung, zugleich träger ihrer geschichte und herkunft, als auch körper, die die distanz zu einer alten sprache ergreifen. sie prozessieren und schaffen so einen zwischenraum in der nähe, der zum aufenthalt einlädt, ohne bilder des gezeigten. assoziationen konstruieren sich im hören und atmen. die theatrale willkürliche situation schafft einen zeitraum und eine konzentration, die im alltagsleben nicht gegeben ist, die man nur individuell herstellen kann. hier handelt es sich aber um einen kollektiven akt der produktion im teilen einer konzentration, im verfolgen des formulierens. der sichtbarkeit der überwindung einer unüberwindbaren distanz. (claudia bosse)

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