theatercombinat | 22.04. - 04.05 2008 phèdre racine/seneca – eine radikale entkleidung der französischen klassik, maison de faubourg, genf, koproduktion mit dem GRÜ/théâtre du grütli (ch)

sprache/language/langue: deutsch, english, français


kritiken
pressedossier deutsch
pressedossier französisch

tragödienproduzenten
phèdre review

 

racine (1677) im ring, seneca (50) im raum. ein boxring als austragungsort der konflikte um staat, territorium, körper, freiheit und liebe. absolutes maß der sprache racines, unmaß der körper. die darsteller sind bis auf eine akteurin um die 60 jahre. sie agieren nackt. geschichte von leben und theater.

um den boxring gruppiert sind bewegliche zuschauergruppen, die sich aus 3 unterschiedlichen perspektiven gegenseitig beobachten. der raum der zuschauer wird von den akteuren durchschritten, gestört, choreographiert, beschriftet mit textpassagen aus «phaedra» von seneca.

die einheit von zeit, ort, handlung und die zeugenschaft der zuschauer sind das dispositiv zeitgenössischer performance. man beobachtet sich und die kollision der körper der akteure mit der performativität des sprechvorgangs und der herstellung von körperbildern.

die zum sprechen gegenrhythmischen körpermaterialien umfassen den über sprechen deformierten körper, barocktanz mit seinem rigiden androgynen körperbild und boxkampf. die nackten akteure ergreifen körperdisziplinen und repräsentationsformen, reißen sich die haut auf durch sprache.


foto: régis golay

 

konzept, raum und regie: claudia bosse, phèdre: frédéric leidgens, hippolyte: serge martin, thésée: armand deladoëy, oenone/aricie: véronique alain, théramène/panope/ismène/ auszüge von seneca: marie-eve mathey doret, produktion/ assistenz: gaël grivet, dramaturgische recherchen/assistenz: andreas gölles, licht: jean-michel broillet, kampftraining: daniel chardonnens, barocktanz: dora kiss, boxtraining: virginie van de putte, tango: mariella casabonne-bach, yoga: sandra piretti

salle du faubourg, genf, premiere: 22.4.2008,
12 aufführungen

mit freundlicher unterstützung der stadt genf (département de l’instruction publique), der loterie romande, der stiftung leenaards, der stiftung ernst göhner und des österreichischen kulturforums.

koproduktion GRÜ/théâtre du grütli, association genèveberlin, theatercombinat


   

mich interessiert die struktur des alexandriners in der zeit von louis XIV, der in einem extremen maße begann, sprache und kultur als mittel nationaler politik und auch zur ausbreitung seines politischen konzepts für frankreich zur erschaffung einer nationalen identität zu kontrollieren. (...)

den regeln der französischen klassik bin ich wie performance-regeln gefolgt. innerhalb eines aktes verbindet immer eine person, die im ring/auf der bühne bleibt, die eine szene zur folgenden. am ende eines aktes ist die bühne leer. erst die sprache konstruiert die figur. ohne das sprechen gibt es auch keine figur, sondern nur den darsteller im raum. ohne sprache ist der akteur in einer anderen präsenz, aber sichtbar im raum. ein theater in dem die handelnden immer erst nach dem sprechen sich der folgen gewahr werden. ein performatives handeln mit genauen regeln.

der ästhetik und ethik von racine ist seneca entgegen gestellt, der andere körperbilder, unmoralitäten, menschliche zerstückelungen beschreibt als es racine jemals erlaubt gewesen wäre. seneca als gegenkultureller kommentar. die politik 50 n.chr. gegen die von 1677. ein für uns gegenwärtiger raum zur beobachtung und befremdung: eine ästhetisierung und gefangennahme des subjekts als träger nationaler ideale und verstöße.

(claudia bosse)


fotos: régis golay


www.theatercombinat.com theatrale produktion und rezeption